VI. Ludwig Erhard-Lecture der INSM, Rede von Professor Phelps (Teil 2)
Die Soziale Marktwirtschaft in Europa
All das war im Europa der zwanziger und dreißiger Jahre allerdings nicht die vorherrschende Denkweise. Dort setzte sich damals die Ansicht durch, dass die bourgeoisen Unternehmer nicht in der Lage wären oder nicht motiviert seien, neue Geschäftsideen zu entwickeln; man dachte damals, dass ein stärker koordiniertes System zu rascherem Wirtschaftswachstum führen könnte. Dieser Eindruck begünstigte die Vorstellung, dass ein besseres System in einer Art dreigliedrigen Wirtschaft bestünde, in welcher der Staat mit den Führern der Industrie und der Gewerkschaften die wichtigsten Marschrouten der Wirtschaft festlegen würde.
Damals gab es auch eine intellektuelle Strömung, die man als Egalitarismus bezeichnen könnte – die Auffassung nämlich, dass es einer Person nicht anstehe, irgendetwas zu tun, was sie aus der Gruppe, der sie angehört, heraushebt.
Auch betonte man in dieser Zeit das Materielle weniger. Hans-Werner Sinn hat mir gegenüber einmal erklärt, dass ein Deutscher eher behaupten würde, er habe seinen Reichtum geerbt, statt zuzugeben, dass er sein Vermögen selbst erarbeitet habe.
Schließlich war man damals überzeugt, dem Frieden in den Betrieben damit zu dienen, indem man Institutionen für Tarifverhandlungen zwischen Industriezweigen und Gewerkschaften schuf. Dabei konnte sich wenn nötig der Staat als Schlichter einschalten.
Wie gut oder schlecht dieser Korporatismus in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen funktioniert hat, ist schwer zu sagen. Jedenfalls blieb der Kapitalismus in der Nachkriegszeit Zielscheibe sehr heftiger Kritik.
Mit dem Auftreten von Ludwig Erhard hatte Deutschland die Chance, einen neuen wirtschaftspolitischen Kurs einzuschlagen. Der Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ wurde zum Etikett für das neu entstehende System oder zumindest für dessen wichtigste Merkmale.
Viele Beobachter glauben immer noch, dass hinter dem Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ ein kapitalistisches System steckt, das durch ein Wohlfahrtssystem mit einer sozialen Grundsicherung und sozialen Hilfsprogrammen ergänzt wird. Dabei hat der Kapitalismus Sozialversicherungsprogramme nie generell ausgeschlossen. (Hayek selbst wollte einige Staatsprogramme einbauen.) Erhard erklärte, dass Wettbewerb per se sozial sei – und damit im gesamtgesellschaftlichen Interesse liege. So als wolle er damit sagen, dass darüber hinaus gar kein wohlfahrtsstaatlicher Ballast mehr notwendig oder erforderlich sei.
Heute hat die Soziale Marktwirtschaft zwei neue Ausstattungsmerkmale: Mitbestimmung der Unternehmensführung durch Mitarbeiter an der Seite der Eigentümer und eine Reihe schmerzhafter Regulierungen, denen Arbeitgeber unterliegen, während die Arbeitnehmer auf der anderen Seite Rechte erhielten. Auf diese Weise wurde – kurz gesagt – die Verfügungsgewalt über das Kapital zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgeteilt.
Zu Zeiten Erhards hielten viele an jenen gesellschaftspolitischen Auffassungen fest, die ich bereits zuvor erwähnt hatte: den Egalitarismus, den Antimaterialismus und die Idee der Sozialpartnerschaft.
Meiner Ansicht nach ist empirisch erwiesen, dass ein funktionierender Kapitalismus, dort wo er durchführbar ist, neue innovative Ideen, ihre Entwicklung und Evaluierung besser stimulieren kann als einerseits der osteuropäische Sozialismus oder das westeuropäische Wirtschafts- und Sozialsystem – wie auch immer wir das nennen wollen.
VI. Ludwig Erhard-Lecture der INSM, Rede von Professor Phelps (Teil 3)
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The Continent’s Social Market Economy
That was not the thinking that – in continental Europe – reached a peak in the 1920s and 1930s. It came to be thought the bourgeois entrepreneurs were not able or motivated to generate new commercial ideas and that a type of system that is more coordinated would be capable to generating faster economic growth. This impression invited the idea of that a better system would be a tripartite economy in which the government working with leaders in industry and in organized labor would set the main directions of the economy.
There was also a strand of equalitarianism – the idea that it is out of place for a person to do anything that would cause him or her to stand out from the group to which he or she belonged.
There was also a de-emphasis on material things. As Hans-Werner Sinn commented to me, A German would rather say that he had inherited his wealth than admit that he had made his fortune himself.
Finally, it was thought that industrial peace would be served by setting up institutions for collective bargaining between industries and unions, with the government acting as a mediator if necessary.
It is hard to say how well or badly such systems worked in the Interwar period. However, in the post-war period, capitalism in continental Europe continued to be an object of very extensive criticism.
With the emergence of Ludwig Erhard, Germany had the opportunity to strike out on a new course. The term Social Market Economy arose as a label for the newly emerging system or the main features of it.
Many observers still take the term Social Market Economy to mean a capitalist system alloyed to a welfare state consisting of some basic social insurance and social assistance programs. But capitalism never implied the omission of any or all such social insurance programs. (Hayek himself wanted to include some government programs.) Erhard commented that competition was social – it was in the interest of society – as if to say that no welfare state baggage was indicated or required.
However, the Social Market Economy has come to mean an economic system with two new features: Co-determination of the management of corporations by the employees alongside the owners; and a variety of penalties on employers and rights conferred on employees. In short, ownership of capital came to be shared between employees and owners.
At the same time, there continue to be the strands of social thought mentioned above – the equalitarianism, the anti-materialism, and the idea of social partners.
Empirically, it is clear that where a well-functioning capitalism is feasible, or supportable, a well-functioning capitalism is better for the stimulation of new innovative ideas, their development and evaluation than either eastern European socialism or the western continental European system, whatever we call it. We mustn’t repeat that debate for another century.
6th Ludwig Erhard-Lecture (Part 3)
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Am 14. November 2007 um 19:10 Uhr
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