VII. Ludwig-Erhard-Lecture in Berlin: Was Schwedens Finanzminister zur Finanzkrise sagte
Schwedens Finanzminister Anders Borg, Zitate zur Bankenkrise aus Anlass seines Vortrages zu VII. Ludwig-Erhard-Lecture der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) am 20. Oktober in Berlin.
… Die Weltwirtschaft erlebt derzeit fraglos schwierige Zeiten. Wir dachten sicherlich alle, wenn wir erst für Preisstabilität und Haushaltsstabilität gesorgt hätten, dann hätten wir damit ein viel solideres Fundament für unsere verschiedenen europäischen Volkswirtschaften gelegt. Doch jetzt müssen wir feststellen, dass wir auch neue Grundlagen für Finanzstabilität schaffen müssen. An erster Stelle für Schweden, für Europa und für die Welt steht meiner Ansicht nach die Wiederherstellung des Vertrauens. Die aktuelle Krise ist nicht nur eine Solvenz- oder Liquiditätskrise, sondern im Grunde eine Vertrauenskrise.
(…)”Wir bewerten im Moment die Lage der schwedischen Banken und gelangen zu dem Schluss, dass die Situation stabil ist. Wir müssen allerdings die Grundlagen und Strukturen für Finanzstabilität schaffen und wir haben auch eine Institution zur Umstrukturierung notleidender Banken entwickelt. Das alles haben wir auf der Grundlage unserer Erfahrung aus der letzten schwedischen Krise im Bankensektor unternommen. Meiner Ansicht nach ist jetzt Vorsicht angezeigt. Die Krise ist noch nicht vorüber. Wir in Schweden haben unseren Beitrag geleistet. Die Euro-Gruppe hat die Situation meines Erachtens bislang erfolgreich gemeistert. Ich denke, wir alle sind Herrn Trichet zu Dank verpflichtet für die ausgezeichnete Arbeit der Europäischen Zentralbank. Uns muss jedoch klar sein, dass diese Krise immer wieder neue Wendungen genommen hat und bereits länger andauert, als wir alle erwartet hatten. Daher sollten wir meiner Ansicht nach in den nächsten Tagen und Wochen ausgesprochen vorsichtig sein und in stetiger Alarm- und Handlungsbereitschaft für den Fall, dass sich weitere Probleme abzeichnen.”
(…)

“This is obviously a time of trouble in the world economy. I think, we all thought that when we had established price stability and budgetary stability we would have created a much stronger foundation for our different European economies but what we are realizing now is that we also have to create new foundations for financial stability. I think the key for Sweden, for Europe, for the world is to restore confidence. This has not been purely a crisis of solvency or liquidity; it has basically been a crisis of confidence.”
„We are now assessing the situation in the Swedish banks and our conclusion is that the situation is stable, but we need to build the foundation and the structures for financial stability. And we also created an institution to restructure troubled banks. This is what we have done due to the experience gained in the previous Swedish crisis in the banking sector. I think we should be quite careful. This crisis is not yet over. In Sweden we have done our part. In my opinion, the Euro Group has been very successful in its handling of the situation. I think we should all thank Mr Trichet for the excellent work by the European Central Bank but I think we should be aware that this crisis has taken new turns many times and has gone on longer than we all expected. So I think we should be very, very careful during the coming days and weeks and be highly alert and ready to act if we see further problems.”

Publikumsfrage eines schwedischen Zuhörers: “Sie haben die Krise von 1990/1991 erwähnt und die damaligen Rettungsaktionen für die Banken haben in der Branche rund 200.000 von insgesamt einer Million Arbeitsplätzen gekostet, was in einem Land mit nur neun Millionen Einwohnern recht viel ist. …”
Anders Borg: “Lassen Sie mich eingangs sagen, dass ich tatsächlich glaube, dass die schwedische Krise 1990/1992 für uns viel schlimmer war als das, was jetzt passiert. Wir hatten einen Einbruch der Häuserpreise um 30 bis 50 Prozent. Wir hatten 1991 einen Anstieg der Realzinsen um fünf oder sechs Prozent in zwei oder drei Monaten, glaube ich. Wir hatten eine Währung, die um 15 Prozent überbewertet war, wir hatten ein Haushaltsdefizit in der Größenordnung von 13 Prozent und zur gleichen Zeit standen fast alle unsere Banken vor oder am Rande des Bankrotts.
Für uns war das also eindeutig viel dramatischer als das, was sich jetzt abspielt. Der Grund dafür war meiner Ansicht nach, dass wir unsere geld- und fiskalpolitische Stabilität in den letzten 20 bis 30 Jahren vor Ausbruch der Krise falsch gemanagt hatten. Auf institutioneller Basis sind wir heute nicht nur in Schweden, sondern ganz allgemein besser aufgestellt. Wir haben unabhängige Zentralbanken, die auf Preisstabilität ausgerichtet sind, wir haben heute eine deutlich bessere Qualität unserer öffentlichen Finanzen als noch vor zehn oder 15 Jahren.
Die Idee der Einführung marktorientierter Reformen ist in den meisten europäischen Ländern recht populär. Daher glaube ich, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen. Ich meine schon, dass wir unsere Bretton Woods-Institutionen neu erfinden und wieder stärken müssen. Als eher bescheidener, konservativer Mensch glaube ich allerdings, dass wir mit den bestehenden Institutionen arbeiten sollten. Ich halte den Internationalen Währungsfonds für eine wichtige Institution und auch die Weltbank und ich denke, wir sollten versuchen, deren Aktivität und das Vertrauen zu reaktivieren. Lassen Sie mich aber unterstreichen, dass dies nicht als Argument herhalten kann, uns unserer nationalen Verantwortung zu entziehen.
Derzeit versuchen 26 Länder in Europa, finanzielle Stabilität zu erreichen. Ich glaube, dass in den nächsten 10 bis 15 Tagen in fast allen Hauptstädten sehr viel gearbeitet werden muss, damit all die schönen Worte und Prinzipien, die wir auf dem Gipfel vor einer Woche zu Papier gebracht haben, auch umgesetzt werden können. Jetzt müssen wir Institutionen schaffen, jetzt müssen wir Kapital aufbringen, jetzt müssen wir im Parlament Gesetze machen und Beschlüsse fassen. Ich glaube daher, dass wir bei der nationalen Verantwortung ansetzen müssen, denn es wird keine glaubwürdige Vereinbarung geben, wenn auf nationaler Ebene glaubwürdige Institutionen fehlen.”
Mehr Informationen zur Finanzkrise im neuen Initiative Express 0208, Newsletter der INSM, Initative Neue Soziale Marktwirtschaft.

A Swedish member of the audience: “You mentioned the crisis of 1990/1991 and the bailouts of the banks that time cost about 200,000 jobs in the industry out of a total of one million, which is quite a lot in a country of just 9 million inhabitants. …”
Anders Borg: „Let me start out with saying that I actually think that the Swedish crisis in 1990 to 92 was for us much worse than what is now going on. We had a fall in house-prices of 30 to 50 percent; we had an increase in real interest rates. I think it was 5 or 6 percent in two or three months in 1991; we had a currency that was overvalued with some 15 percent we had a budget deficit of some 13 percent; and at the same time, we had a period where almost all of our banks were close to or at the verge of bankruptcy.
So, for us, that was obviously a much more dramatic period than what we are currently going through, and I think the reason for that was that we had mismanaged our monetary and fiscal policy stability for at least 20 to 30 years before the crisis started. So I do think that, on an institutional basis, we are better off today not only in Sweden but in general. We have independent central banks that are oriented towards price stability; we have a much better quality of public finances today than we had 10 to 15 years ago.
The idea of introducing market-oriented reforms is quite popular in most European countries. So I do think that we are now moving in the right direction. I believe that we need to reinvent and re-invigorate our Bretton Woods institutions. Being more of a modest kind of conservative person, I believe that we should work with the existing institutions. I think the International Monetary Fund is an important institution as is the World Bank, and I think we should try to restore their activities and to restore confidence in them. But let me also underline that this cannot be an argument for not taking our own national responsibility.
We currently have 26 countries in Europe trying to achieve financial stability. I think we need a very, very high activity level in almost all capital cities over the next 10 to 15 days to be able to implement all the nice words and principles that we put on a paper at the summit a week ago. Now we have to establish institutions; now we have to raise capital; now we have to make the laws and take the decisions in parliament. So I do think that national responsibility is the starting point because there will be no credible agreement if there are no credible institutions at a national level.

Ein Repräsentant der IG Metall: “Wenn ich richtig informiert bin, sind Ihre (Anm. die schwedischen) Banken ja verstaatlicht. Deswegen sind sie wahrscheinlich von diesen Schrottimmobilienkäufen ja nicht betroffen, denn Sie konnten das ja kontrollieren. Aber – ist das so und sind Ihre Manager nach oben im Gehalt begrenzt worden durch die Verstaatlichung? ”
Anders Borg: “Wir haben eine große staatliche Bank, die tatsächlich die Hauptursache für die Bankenkrise im Jahr 92 war – rund zwei Prozent des BIP der Verluste entfielen auf die Nordbanken, die seinerzeit in staatlichem Besitz war. Ich glaube nicht, dass verstaatlichte Banken eine Lösung für verantwortungsloses Wirtschaften darstellen. Was ich allerdings glaube, ist, dass die privaten Eigentümer der Banken für die Folgen dieses unverantwortlichen Verhaltens gerade stehen müssen.Eines der Elemente der Rettungsaktion in der schwedischen Bankenkrise war, dass wir tatsächlich Eigentümer der Banken geworden sind. Von der Sparbanken etwa hielten wir eine Vorzugsaktie mit dem zehnfachen Stimmrecht. Das bedeutet, dass wir mit fünf Prozent des Kapitals quasi Eigentümer der Bank waren. Das war so wichtig, um bei anderen Banken die Erkenntnis zu forcieren, dass sie nicht zum Staat gelaufen kommen sollten, um Hilfe zu erhalten, denn staatliche Hilfen sollten meines Erachtens der allerletzte Ausweg sein, wenn es keine anderen Lösungen für solche Probleme gibt. Man muss aber auch Kapital zuführen, denn bei den Eigenkapitalanforderungen ist die Hebelwirkung durch Eigenkapital so groß, dass das Geld das 33fache wert ist.
Wenn man das Problem lösen will, das in den USA besteht, indem man faule Vermögenswerte aufkauft, kann man kaufen, so viel man will, denn diese Märkte sind wie ein Ozean. Eine Lösung ist der Aufkauf von Giftpapieren nicht. Man muss den Banken Eigenkapital zuführen und was wir heute getan haben, ist, Bankkredite zu garantieren. Wir haben aber auch eine Organisation geschaffen, die in der Lage ist, Kapitalspritzen zu verabreichen. Wir haben heute keine angeschlagenen Banken, doch wenn sich eine Bank an uns wendet, dann wird auch über Eigentumsfragen gesprochen, denn wir sind der Ansicht, dass der Steuerzahler nicht nur Verluste verantworten sollte. Wenn wir den Banken ihre Finanzierung garantieren oder ihnen Geld leihen, dann würde der Steuerzahler nur für die Verluste gerade stehen. Wenn wir ihnen aber Eigenkapital zuführen – in Form von Vorzugsaktien –, dann profitiert der Steuerzahler auch von dem Erfolg. Wir haben seinerzeit 1992 fast zweieinhalb Prozent des BIP aufgewendet, um die Bankenkrise zu beheben, und das ist alles zurückgeflossen. Nordbanken gehört immer noch uns … Wir könnten sie, denke ich, irgendwann verkaufen und das Geld für Infrastruktur oder produktive Investitionen ausgeben.
Ich glaube schon, dass wir gesellschaftliche Kontrolle für die Banken brauchen. Ich glaube, es ist die allerwichtigste Aufgabe der Zentralbanken, die privaten Banken zu kontrollieren und aufzupassen, dass sie nicht verantwortungslos handeln. Auch die Aufsichtsbehörden, die verschiedenen Institutionen zur Kontrolle der Finanzwirtschaft in den Ländern, müssen zusammenarbeiten und dafür sorgen, dass internationale Banken lückenlos überwacht werden. Ich glaube ferner, dass wir Institutionen schaffen müssen, die in der Lage sind, mit „Bad Banks“ umzugehen und diese umzustrukturieren, wenn sie wirklich zusammenbrechen, da wir nicht davon ausgehen können, dass wir diese Probleme aus der Welt schaffen können. Ich denke, wir werden künftig immer wieder Finanzkrisen erleben. Was wir tun können, ist, Preisstabilität zu gewährleisten, stabile Haushalte zu gewährleisten und Institutionen einzurichten, die für finanzielle Stabilität sorgen.
Ich bin aber auch der Ansicht, dass es zur globalisierten Wirtschaft gehört, dass wir alle vier oder fünf Jahre solche Probleme bekommen. In Bezug auf Ludwig Erhard denke ich auch an seinen Weggefährten Friedrich von Hayek und an dessen Äußerungen zu den übersteigerten Kreditzyklen der 30er und 40er Jahre. Diesbezüglich meine ich, dass wir heute bis zu einem gewissen Grad eine ganz ähnliche Krise erleben – zu hohe Verschuldung, verantwortungslose Kreditvergabe und Mangel an privatem Kapital und Eigentum in den Banken.”

A representative from the IG Metall (German metal industry trade union): “As far as I know, your banks have been nationalized. I assume therefore that they have not been affected by these junk purchases of real estate because you were in a position to keep tabs on that. But is that really the case and do bank managers’ salaries have a ceiling as a result of nationalization?
Anders Borg: “We have one big state bank that was actually the main cause of the banking crisis back in 1992 – about 2 percent of GDP of the losses were caused by Nordbanken, that was a state-owned bank at that time. So I don’t think that state-owned banks are a solution to economic irresponsibility, but what I do think is that the private owners of the banks will have to pay for the consequences of irresponsible behaviour.
One of the features of the salvation of Swedish banking in the crisis was that we actually took over the ownership of the banks. For Sparbanken for example we had a preferred share with a factor of ten times the voting power, which meant that we owned the bank with 5 percent of the capital. That was very important to force the other banks to realize that they should not be running for state aid because state aid, I think, should be the ultimate solution if we can’t find any other solutions to this kind of problem. And you also need to inject capital because, given the equity capital requirements, the leverage effect of introducing equity capital is 33 times the money.
So if you want to solve the problem they have in the US by starting to buy non-performing assets, you can buy as much as you like because these markets are like the ocean. You can’t solve it by buying up toxic assets; you have to inject ownership capital into the banks and what we have done today is establishing guarantees for bank loans. But we have also set up an organisation so that we are able to inject capital. We don’t have troubled banks today but if they come to us, there will be a question of ownership because we also think that the taxpayer should not only take responsibility for the losses. If we were to guarantee their financing or lend them money, the taxpayers would only take responsibility for the losses, but when we inject ownership capital – as preferred shares – the taxpayers would also gain on the profits. So we laid out almost two and a half percent of GDP back in 1992 to solve the banking crisis and all of that has been restored and we still own Nordbanken … Eventually, I think, we could be able to sell that and use this money for infrastructure or productive investments.
So I think that we need to have corporative control of the banks. I think that it is here that the central banks have the utmost important job to do – controlling the private banks and checking that they do not act irresponsibly. Or the FSA, the different financial control institutions of the countries, need to cooperate and see to it that these international banks are under close supervision. And I also think that we need to establish institutions to be able to deal with and to restructure bad banks when they actually fail because we must not assume that we are going to be able to solve these problems. I think we will see recurring financial crises in the future. What we can do is to establish price stability; we can establish budgetary stability; and we can establish institutions to ensure financial stability.
But I also think that it is part of the globalized economy that such problems crop up every four or five years, and I think that when we are talking about Ludwig Erhard, we can remember his close associate Friedrich von Hayek and the time when he was arguing about the credit overexpansion cycles that they saw in the 30s and the 40s. And in that respect, I think we are seeing to some extent the same kind of crisis today – overexpansion of credit, irresponsible lending and the lack of private capital and ownership in the banks.”
Am 20. November 2008 um 15:40 Uhr
Gut gesprochen, nur bin ich der Meinung das man die Entwicklung absehen konnte und man aus politischen oder opportunistischen Gründen nicht schon früher gegen die Finanzpolitik der Großbanken vorgegangen ist.
Am 4. Januar 2009 um 05:14 Uhr
[...] Auszüge aus Borgs Rede bei der VII. Ludwig-Erhard-Lecture der INSM [...]